January 2012
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Die Mathematik der Fliegen ist eine der fünf Grundrechenarten. Weil sie jedes Schulkind bereits erahnt, gehört sie nicht zum Bildungskanon. Weil die Erwachsenen sie fürchten, rechnen sie nur heimlich mit ihr. Die Mathematik der Fliegen sagt: Apfelkitsche auf den Kompost. Die Mathematik der Fliegen sagt auch: Kätzchen hat das Schnurren sein gelassen. Zu mir hat sie gesagt: Wir kommen aus deiner...
“Und der Mond hat sein Leben hier und noch eines zu Hause über den Kleinstadtgiebeln.”
— Herta Müller: Atemschaukel
September 2011
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“Alles ist Alleinsein.”
— Hans Fallada: Kleiner Mann - was nun?
August 2011
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July 2011
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100 Zumutungen
Teil I und II: Wagners Siegfried und Wagners Siegfried in gigeresker Inszenierung
Prinzipiell sieht sicherlich jeder gerne dabei zu, wie ein Predator-Siegfried zehn Minuten lang sein Zauberschwert zusammenkloppt. Allerdings, lieber Richard Wagner: Hoho, Hoho, Hohei?! Ich weiß, du konntest es nicht ahnen. Aber seit die Menschen von Herrn Disney großgezogen werden, sind an solche...
“I was really interested in the makeover reality show and the idea that the American dream of rags-to-riches has been replaced by this new American dream of the makeover.”
— Lauren Greenfield
“Oft lese ich ganze Seiten und weiß gar nicht, was ich gelesen habe. Ich fange dann noch einmal von vorn an und entdecke, daß das schön ist, was ich gelesen habe. Es handelt von Menschen, die unglücklich sind.”
— Thomas Bernhard: Frost
Dass eine solch vortreffliche Zucht von Existenzmöglichkeiten selbstverständlich und zuvörderst akribischer Pflege und Instandhaltung bedürfe, hätten die Leute nie gesehen. Man habe ihn überhaupt immer für einen ausgemachten Sonderling gehalten, weil er schon als Student - “während der großen Krise war das” - der Zucht von Existenzformen den Rücken gekehrt habe und danach auch keiner...
June 2011
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Und als wir die Flamme von oben besahen, ihr furchtsames Flattern im Kirchenschiff, da wusste ich: Nie hatten wir uns frommer verschworen als mit dieser Gotteserpressung.
Jetzt, wo nichts mehr gut und wahr ist: Erinnere dich des Tages, als deine Augen an der Sonne hingen. Am Abend waren sie Rosinen und konnten und wollten nicht mehr weinen.
Wir sahen uns nicht an, das kleine wunde Tier und ich. All unser Sehnen war in die Finsternis gerichtet.
Mein Erwachen: einsfünfundvierzig mal zwei Meter falsche Geborgenheit mit Rosen bedruckt und doppelt vernäht an den Seitenkanten.
May 2011
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Fünfmonatsbilanz: Die Tage der Bockwurststiefel sind gezählt. Wer Goethe nicht mag, hat ihn verstanden. Nicht alles, was empfunden wird, darf auch Lebensgefühl sein.
April 2011
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Wenn man mal einen aus der Vagina gepresst hat - da kann man noch so habilitiert sein - dann füttert man sein Tamagotchi und darf von Mutterliebe reden.
“Sogar die Erektion ist nicht von dieser Welt Die meisten Jünger wirken blass vor Penisneid Als Jesus stöhnt im rosaroten Fummelkleid Weil Judas ihm die pochend harte Stange hält.”
— Wolle77 und Woitek von gedichte.com: Jesus fickt dich
Ich begrüße die Karwoche mit einer lyrischen Abendmahlimpression, wie sie Da Vinci gerne gemalt hätte.
“Und während die Bedeutung des Wortes ‘Liebe’ immer gleich ist, sind die Meinungen des Wortes ‘Liebe’ in allen Sätzen verschieden. Nicht in zweien sind sie gleich.”
— Harald Weinrich: Linguistik der Lüge
Manchmal entgrenzt sich auch die ernste Zeitgenossenlinguistik in poetisch-hübschen Kitsch. Das muss mit diesem “Weinrich-Sound” gemeint sein, an...
Von deinem Lachen koch’ ich mir ein Süppchen, das frier ich ein für harte Winter. Im Tausch dafür: ein Stück aus meinem Käsekopf, den magst du doch mit all den Löchern.
March 2011
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Ich will nach oben durch die Wolken schlüpfen zu den wilden Göttern. An grauen Tagen, da spucken sie auf euch in mageren Fäden. Ich aber werde sie aus dem Himmel kippen. Fangt sie auf und setzt sie in ein Glas, damit wir uns an ihnen wundern können. Ich will mich durch Pflasterfugen in die Erde wühlen. Dort lasse ich mich zu Diamanten pressen und wenn ihr mich findet, dann kann ich Schönheit oder...
Lieber Patrick S.,
gestern, da hatte ich zufällig fünf Euro bei mir und dachte, ich höre Dir beim Lesen zu. Und ich hatte ja auch nichts gegen Dich, nur weil Du mit Deinen “poetischen Bilderwelten” in mich dringen wolltest, nein, ich war bereit, Du hättest es mir richtig besorgen können. Dann aber und ich kann nur sagen, lieber Patrick S.: Schäm dich, schäm dich tief. Du hast mir...
“Was verlangst du, warum bangst du, Armes, unruhvolles Herz? […] Stille, stille! Herr, Dein Wille, Der geschehe auch an mir! Amen, Amen! und Dein Namen Sei gepriesen dort und hier!”
— Luise Hensel: Sursum Corda
In gut sortierten Ausschnitten rührt mich diese Frömmeltrine ja immer irgendwie an.
Donnersnachtsphantasmen: Ein Fleischkonflikt, nichts weiter, der uns die Herzen mit neun Stichen zueinandernäht. Jetzt können wir uns wieder einen Traum in jedes Auge küssen. Links die Heidschnucken, rechts der kindbettfiebrige Zyklop, du kennst die Favoriten. Dabei halt mich noch ein wenig. Die Nacht hängt schwer im Dachgeschoss und ich bin, du weißt, täubchenängstlich. Leg deinen Blick in meinen...
February 2011
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“Du hast ein weißes Fleischkleid angezogen. Mich hungert so - ich küsse deine Lippen. Ich reiße dir die Brüste von den Rippen, Wenn du nicht geil bist!”
— Paul Boldt: Mädchennacht
Diese Expressionisten waren bestimmt ziemlich gut im Bett.
January 2011
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“Die Sätze mit 1-8 Wörtern sind bei Hesse sowohl im Vergleich zu den modernen als im Vergleich zu den älteren Autoren zahlreicher. Der prozentuale Anteil dieser Sätze beläuft sich bei Hesse auf insgesamt 14,86 % gegenüber 8,82 % bzw. 7,18 % bei Eggers und ist somit doppelt so groß.” / de Grauwe, Luc. Zum Stil Hermann Hesses: einige quantitative Beobachtungen In:...
Von Norden her verschlossen zornige Winde uns die Augen. Als blinde Halme wehten wir den Göttern zu. Da wurden Münder in unbestimmten Sehnsüchten geöffnet, da griffen Herzen angstvoll ineinander. An Wolkenschluchten entsetzten sich die Todgeweihten.
Gelesen 2010 muss man sich in der Blogger-Bohème wohl verkneifen, wenn man weder Adorno noch Voltaire auffahren kann. Gelesen 2011 jedenfalls: Schneider, Helge. Zieh dich aus, du alte Hippe (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1994). Kriminalroman mit “globale[m] Schwierigkeitsgrad, der niemals unternebelt wird durch etwaige Hilfesprünge. […] Mit dem Kauf dieses Buches wird man auf...
December 2010
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Da der weltordnende Verstand - das haben die evidenzbasierten Studien der letzten Jahrzehnte hinreichend dargelegt - in Stunden jenseits von Tag und Nacht durch eine Landschaft voller Entsetzen substituiert wird, darf man sich über nichts mehr wundern:
2010. Ich danke meinem Bettgesellen für dadaistische Reminiszenzen zwischen zwei REM-Phasen. Ich danke der Academy für zwanzig Seiten erlesenste...
Der Penis ist eine Tatsache, mit der die Menschheit umzugehen hat.
November 2010
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Mein Junge. Lass dir beim Weinen über die Schulter sehen. Der Morgen wird kalt und sich in ein unerhörtes Ereignis verwirren. Lass mir ein paar deiner Dämonen hier, die werde ich zu meinen legen. Im Zweifelsfall wollen wir keine Menschen mehr sein.
October 2010
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Der Baader Meinhof Komplex oder: Leute, die rauchen.
September 2010
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“5:15 alter ich bin auf der party eingepennt und als ich aufwach waren wir nur noch zu 5. W***** macht mit dem einem Kerl rum und N*** mit dem anderen…
5:19 und was machst du jetzt?
5:21 mit nem stück schnur mit der katze spielen”
— SMSvonGesternNacht
morgens: Der Junge am Fensterplatz liest seine Comics mit einem Pragmatismus des Auges, wie er für einen Zehnjährigen mehr als unanständig ist.
mittags: Wir steigen aus und sehen Berge, die stechen in den Himmel und sind sehr, sehr alt. Zwei Stunden oder mehr laufen wir aufwärts, reden kein Wort, haben Visionen von abgestürzten Studenten in der Klamm.
abends: Wir liegen und atmen eisige...
Ich hätte jetzt aber auch gern noch meine verfotzte Dosis Sommer, bitte schön!
August 2010
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Es ist gut, Leute anrufen zu können, die nachts um eins manchmal Sehnsucht bekommen, mit einem Rasenmäher durch Naturschutzgebiete zu brettern. Die auch gerne selbst mal durchklingeln lassen, weil sie auf Stilnox sind und allein nicht mehr mit der Stalinorgel neben ihrer Schrankwand klarkommen. Die gelegentlich auch lichte Momente haben und es dann albern finden wie sie letztens mit diesem Typen...
Die Blonde, der ich seit einer Viertelstunde zu erklären versuche, dass ich mit ihr wirklich keinen Kaffee trinken will, weil ich Lesben okay finde, aber keine Menschen mag, hat unverschämt große Brüste. Wir stehen Ecke Kirchplatz an einen Bauzaun gelehnt. Sie erzählt, dass sie noch nicht so lange mit Frauen und so und ich sage “Ja, wirklich?” und finde es erstaunlich, was an...
Das Ärgerliche am Leben ist ja, dass man diesen permanenten Wiederholungen ausgesetzt wird. Morgens aufwachen und das Herz rumpelt durch die Rippen, ein enttäuschendes Toilettenintermezzo und diese Überlegungen, ob man zum Frühstück lieber ein halbes Glas Kapern oder Butter mit Zucker fressen soll. Dann wird man melancholisch und entscheidet sich für einen uralten Rotkäppchen halbtrocken, was eine...
Ein Laptop, fünf Bücher und ich gefangen in der Bibliothek. Im Rücken Alfred Stieglitz und Keramik vom Niederhein, denn zwischen Goethe und Grass wollen schon andere denken. Die Klimaanlage rauscht gegen Sonnenseitenfenster und irgendwo quietschen sich Textmarker ins Papier. Dann schreibe ich von performativer Weiblichkeit und will nicht wissen, was das ist und lasse die Gedanken tanzen, nach...
ich manchmal so: ” … “
er dann so: ” ? “
ich dann so: ” ! “
Semesterferien sind das sadistische Element des Studentenlebens. Zumindest wenn alle Menschen, die einen sonst durch den Tag schleifen pünktlich zum Vorlesungsende von lokalpatriotischen Schüben heimgesucht werden. Flucht nach Kleinpisspott zu Mutterns Rheinischem Sauerbraten und dann sitzt man allein in der stinkenden Großstadt. Und irgendwo unter fetttriefenden Pizzakartons stapeln sich die...
July 2010
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“Und einmal hat Mila von Trapper im Konversationszimmer Talent gemacht, alle waren nach Haus - nur die Mädchen von der Schule noch da, die am liebsten im Theater übernachten würden. Alle saßen auf Tisch und Fensterbrett mit sehr ernstem und bedeutsamem Mund, und das stolze Trapper machte Talent und schrie. Bißchen unanständig - was mit Holofernes und daß sie ihm keinen Sohn gebären wollte,...
Jeder Friedhofsbesuch in K. bezeugt, dass der locus terribilis keine Erfindung der Literatur ist.
Hier wird niemand über 60, denn wir sind ein Dorf, das vor dem Durchschnitt schlapp macht, das liegt an der Witterung, das macht der Föhn. Und still ist es an Menschen, denn sie meiden den Lärm der Toten, denn die brüllen, die brüllen durch Wildwuchsefeu und Nelkenfäule und Splitterlaternen und...
Heute hat eine gute Woche begonnen, in der mir die Frisur gefällt, die Wayfarer steht, Etzels Bruder Blödel heißt und pervers kurze Hosen angebracht sind.
“Die Kunst ist Leben geworden und hat erreicht, was sie sein soll.”
— Emmy Ball-Hennings: Das Brandmal
June 2010
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Wir zwei beide und andere wissen vom Unsinn. Jolifanto Bambla ô Falli Bambla, dann drei Zaubernüsse in den Rinnstein. Hinter den Fenstern vier Installationen von Köpfen und die Folgezahl verbeißt sich ins nächste Wort: fünf Flüche bis ins letzte Glied, der sechste stirbt auf halber Strecke. Von acht Zungen sprichst du mit sieben pro Tag und um neun wird wieder ans Töten gedacht. Bei elf greift die...
Also stehe ich auf diesem nach Kotze stinkenden Bahnhof. Meine Begleitung riecht nach Mundpups, was ich unter solchen Umständen nur fair finde. “Haste Feuer zufällig?” “Verpiss dich, Alter!” Und dann die Schienen entlang Richtung Dunkelheit.
Unter büstenhaltergaffende Halboppas mischen sich promovierte Atomphysikerinnen, die gerne darüber reden, wie sie Dreiundneunzig sind und DSL haben. Hunde, Alkohol und Handys müssen draußen warten. Maschine drei außer Betrieb. “Bitte werfen Sie eine Münze ein.” Vereinzelt: Sehr gutaussehende Japanerinnen in sehr gutaussehenden Kleidern während sie sehr gutaussehende Wäsche waschen und...
May 2010
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Plan für das Jahr: menschheitsverändernden, generationenverbindenden, weltenbügerverstörenden Romanerstling schreiben; einem Geheimbund beitreten; nach Nimikon emigrieren; wieder 19 werden.
June 2009
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“Claudia kennt die auch nicht. Die war nie in Paris, die kennen wir nicht.”
— Karl Lagerfeld
May 2009
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Beim Aufwachen so in Nietzschelaune gekommen, dass ich mich statt ins Seminar vor die Bachelor-Arbeit gesetzt habe. Nun ziehe ich mich sätzeweise an der Unfähigkeit mich auszudrücken entlang. Regenwolken drücken vom Himmel bis auf den Kopf und ich sollte ein paar Bücher zurück in die Obhut der Bibliothek geben.